Sollte Homeschooling in Deutschland erlaubt werden? 73% sagen „Ja!“

 

Kommentar von Auke Boersma

Anlässlich des Abiturs von Deutschlands „bekanntestem Schulverweigerer“, Moritz Neubronner, nimmt sich der Stern mal wieder des Themas Homeschooling an und macht eine Online-Umfrage, ob Homeschooling in Deutschland erlaubt werden sollte. Das Ergebnis ist überraschend eindeutig: 73% sind dafür, dass Homeschooling erlaubt werden sollte, nur jeder vierte Befragte ist dagegen.

 

Natürlich, die Umfrage ist nicht repräsentativ. Trotzdem hat sie in dieser Deutlichkeit schon eine Aussage und ist ein Signal an politische Entscheidungsträger, das zu denken geben sollte. Auch in anderen Fragen wird die Meinung des Volkes von der Straße respektiert.

Quasi als Entscheidungshilfe gibt der Stern auch einen Artikel mit Argumenten Pro & Contra Homeschooling bei. Befürworter und Gegner des Homeschooling werden zitiert. Auf der Pro-Seite werden die mangelnde Individualisierung des Unterrichts an der öffentlichen Schule, das große Engagement der meisten Homeschooling-Eltern und die in der Regel positiven Abschlüsse der wenigen deutschen Homeschooler genannt. Auch werden Experten erwähnt – aber namentlich nicht genannt –,  die für eine Lockerung der rigiden deutschen Schulpflicht sind.

Nun ist man als aktiver Homeschooler natürlich auf die Argumente gespannt, die gegen das Homeschooling sprechen. Die öffentliche Schule wird nun damit beworben, dass die Lehrer „unter staatlicher Aufsicht und nach einem einheitlichen Muster ausgebildet wurden“, und es deshalb „einheitliche Lehrpläne“ gibt. Einheitlichkeit ist allerdings kein Maß für Qualität. Ein Lehrer und der Lehrplan können wunderbar einheitlich, aber doch schlecht sein.

Dazu passt genau das Argument von Ursula von der Leyen (CDU). Die 7-fache Mutter war in ihrer politischen Laufbahn seit 2003 schon deutsche Familien-, dann Arbeitsministerin und ist aktuell Verteidigungsministerin, war also nie Bildungsministerin (wobei die fachliche Qualifikation eines Ministers bei der Wahl seines Ressorts ohnehin sekundär zu sein scheint). Trotzdem weiß sie immerhin, dass „50% der Langzeitarbeitslosen keinen Schul- oder Berufsabschluss hat“ und sieht es daher als wichtig, den Anfängen zu wehren und Bußgelder zu verhängen, wenn Eltern gegen das Schulgesetz verstoßen. Hier kann ich nicht ganz folgen. Wenn ein Land mit der strengsten Schulpflicht in Europa ein große Zahl ungebildeter Langzeitarbeitslose – davon gibt es immerhin mehr als eine Million, und somit prozentual mehr wie in den meisten europäischen Ländern – hervorbringt, wieso spricht das dagegen, einer kleinen Zahl hochmotivierter Familien zu untersagen, ihre Kinder selbst zu unterrichten? Das spricht eher gegen das bestehende Schulsystem.

Die restlichen Argumente sind wieder einmal aus der bekannten Sozialisierungsschublade: soziale Kompetenzen kann man nur im Klassenverband lernen, Kinder brauchen eine andere Autoritätsperson, andere Menschen zum dran reiben, Menschen mit anderen Ansichten, um ordentliche Mitglieder einer Demokratie und pluralen Gesellschaft zu werden. Hm – alles schon mal gehört. Problem ist nur, dass diese ganzen platten Vorurteile nie bewiesen werden konnten.  Es gibt praktisch keine aussagekräftigen Studien aus dem deutschsprachigen Raum. Wo sollten die auch herkommen bei der mageren Zahl an Homeschoolern und beim relativ geringen Interesse der Didaktikprofessoren, deren Aufgabe es wäre, diese Daten zu erheben und auszuwerten?

Also gibt es nur Studien vor allem aus dem englischsprachigen Raum und Fallberichte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – und die sprechen in der Regel eindeutig FÜR das Homescholing, d.h. dass die Homeschooler nicht nur akademisch, sondern auch von ihrer sozialen Kompetenz her hervorragend abschneiden. Wenn man alle Homeschooler weltweit zusammennimmt, kommt schon eine ganz ordentliche, in die Millionen gehende Anzahl zusammen. Es wäre wohl schon aufgefallen, wenn hier asoziale,  demokratieunfähige Subjekte hervorgebracht würden.

Also, mich haben die Gegenargumente mal wieder nicht überzeugt und ich habe an der Umfrage teilgenommen und mit JA gestimmt. Mal sehen, ob es jemand „da oben“ beeindruckt.

 
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