Nie mehr!

Gedanken zur Sendung „Nie mehr Schule“ von Robert Gordon in der ORF-Reihe „Am Schauplatz“ am 11.6.2016

Von Auke Boersma

Vorbemerkung: Dieser Essay setzt sich nur mit der journalistischen Arbeit Robert Gordons auseinander, weniger mit den von anderen Interviewten in der Sendung geäußerten Meinungen.

Der Journalist Robert Gordon versteht sein Handwerk.

Nicht umsonst hat er den  Prof. Claus Gatterer-Preis für sozial engagierten Journalismus bekommen. Die ORF-Doku-Reihe „Am Schauplatz“ steht laut ORF für „feinfühlige Reportagen mit Tiefgang“.

Dies alles war Grund genug für unsere Familie, auf die Anfrage Robert Gordons, ob wir bereit wären, bei einer Sendung über Freilerner und Homeschooler mitzumachen, nach reiflicher Überlegung, positiv zu reagieren. Wir mussten bei unseren Kindern schon ziemlich Überzeugungsarbeit leisten, denn sie waren „gebrannte Kinder“. Ein ähnliches Projekt des Spiegel-TV endete vor einigen Jahren in einem üblen Machwerk mit verletzenden Kommentaren unter der Gürtellinie. Nun, es gehörte uns damals nicht besser, was will man beim Spiegel-TV erwarten? Aber jetzt der ORF und Robert Gordon, die doch für Seriosität bürgen.

Um diesmal sicher zu gehen, vereinbarten wir vor den Dreharbeiten ein Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen, das, wie wir fanden, recht positiv verlief. Gordon war nett, einfühlsam und erzählte freimütig auch von seinem 8jährigen Sohn und hielt sich auch mit seiner Meinung über Spielkonsolen und Freilerner nicht hinter dem Berg. Da waren wir überzeugt und wollten mitarbeiten. Robert Gordon versteht eben sein Handwerk. Er brachte uns sogar dazu, dass wir zustimmten, live bei einer Prüfung zu filmen, was für die Kinder eine extreme nervliche Anspannung bedeutete.

Bei den Dreharbeiten waren wir dann schon etwas irritiert. Der Unterricht schien Robert Gordon nicht sehr zu interessieren. Nein, sondern er stellte ganz andere Fragen, die die Kinder meist eher verwirrten und die sie nicht verstanden. Oft fragten wir uns, worauf will er hinaus?

Der erste Schock

Dann lese ich kurz vor der Ausstrahlung die Presseaussendung, in der die Sendung angekündigt wird (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150610_OTS0022/am-schauplatz-ueber-nie-mehr-schule) – und reibe mir etwas verwundert die Augen. Wie bitte?  Was konnten wir da lesen:

„Eine kleine, aber wachsende Zahl von Familien in Österreich … nützen ein Schlupfloch im österreichischen Schulpflicht-Gesetz, das häuslichen Unterricht erlaubt.“

Ein Schlupfloch??? – das ist eine eigenartige Formulierung für einen ganz normalen, gesetzlichen Weg. Nutzt ein Asylwerber auch ein Schlupfloch im Asylgesetz, um in Österreich Asyl zu beantragen?

Damit nicht genug. In der Beschreibung unserer Familie lese ich:

„Sie gehören einer religiösen Gruppe an, deren Weltsicht sich nicht mit allem deckt, was einem an der Schule begegnet. Sexualkunde, Evolution, Popmusik oder Mode -da möchte Vater Auke lieber selber entscheiden, was seine Kinder zu hören und sehen kriegen. Ganz kann man dem Lehrplan aber nicht entgehen. Die Schulbehörden verlangen, dass auch Kinder aus dem häuslichen Unterricht Prüfungen ablegen.“

Es sei mal ganz dahin gestellt, ob das stimmt oder nicht – aber darüber haben wir mit keinem Wort gesprochen! Robert Gordon hat darüber keine Fragen gestellt, und ich habe darüber nichts gesagt! Woher will der Schreiber dieser Zeilen das wissen? Das liest sich wie ein Copy-Paste Fehler aus einer anderen Sendung. Ist das sozial engagierter, einfühlsamer, preisgekrönter ORF-Journalismus?

Aber geben wir dem Film selbst eine Chance und schauen uns das  fertige Produkt „Nie mehr Schule“ an. Die Überraschung und Befremdung hält an. Waren wir im falschen Film? Wir verstanden plötzlich, worauf Gordon hinaus wollte. Er hatte vor den Dreharbeiten beteuert, dass er im Gegensatz zu seinen Spiegel-TV-Kollegen nicht viel kommentieren würde, sondern die Bilder selbst sprechen lassen wolle.

Immer noch die alte Gretchenfrage – „Wie hältst du’s mit der Religion?“

Die Tatsache, dass wir – im Gegensatz zu den Freilernen, die ja den Ansatz des „Unschooling“, also ohne Unterricht im eigentlichen Sinne verfolgen – sehr wohl einen gezielten Unterricht machen, spielte im Film keine große Rolle mehr, sondern die Überschrift war vor allem unsere christliche Weltanschauung, und dass wir Homeschooling primär aus der Motivation heraus machen würden, unsere Kinder vor schädlichen Einflüssen der Welt zu isolieren. Nun machen wir kein Geheimnis aus unseren christlichen Überzeugungen, schließlich versteht sich ja der Verein „homeschoolers.at – Bildung zu Hause Österreich“ besonders als Vereinigung von christlichen Homeschoolern.

Wenn Robert Gordon besonders dieser Aspekt interessiert hätte, hätte er das sagen können und ich hätte mich entscheiden können, ob ich da mitmache. Dies spielte aber in den Gesprächen und Interviews keine große Rolle – warum sollte es auch? Es herrscht  Gott sei Dank in Österreich Glaubensfreiheit und jeder kann glauben, was er mag. Bei den im Film portraitierten Freilernern spielten ihre Überzeugungen – mögen sie esoterisch, buddhistisch oder was auch immer sein – auch keine Rolle. Robert Gordon interviewte auch Michaela Marschnig, die er als „Stimme des Widerstands“ der Freilerner bezeichnete. Sie fördert als „Joya“ über die Website www.freilerner.at die Vernetzung der Freilerner. Obwohl sie ihre durchaus diskussionswürdigen Weltanschauungen freimütig im weltweiten Netz kundtut (www.gruenhexenland.net),  sind diese kein Thema für Gordon. Sie verbat sich im Film ebenfalls , dass „der Staat vorschreibt, nach welchen Glaubensmodellen die Familien zu leben haben“. Dem möchte ich absolut beipflichten, aber dieses erbitten sich dann auch wir Christen, vom Staat, und vom Journalisten eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders.

André Stern, die Symbolfigur der Freilerner sagt, dass er „dem Heimunterricht gegenüber sehr skeptisch“ sei, da er „die Nachteile von Heim und Unterricht vereine“. Ohne zu erklären, was er damit meint, fährt er fort, er hält viel mehr davon, dass jemand so wie er „in die weite Welt hinausgeht und sich mit anderen Menschen verbindet“. Wer kann dagegen etwas sagen?

Dann zeigt die Kamera unser „Heim“ in Hollabrunn mit dem Kommentar „Familie Boersma hat sich für den Heimunterricht entschieden“. Soll damit gesagt werden, dass wir nicht in Welt hinausgehen und keine Verbindung mit anderen Menschen suchen? Woher weiß Gordon das? Wir erwähnten ja z.B. eine zweimonatige Reise in die USA.  Dies war in Gordons Augen natürlich keine Bildungsreise, sondern hatte nur das Ziel, uns bei den „religiösen Gruppen“ dort ein Vorbild zu suchen.

Es ist schon ein gewaltiges Vergehen,

dessen wir bezichtigt werden: unsere Kinder müssen „ohne Popmusik, Fernsehen, Smartphone und Mode auskommen“. Ich bekenne mich schuldig. Wie konnte es nur passieren, dass unsere Kinder klassische Musik lieben, oder Flamenco, oder was auch immer, und vielleicht nicht ganz firm bei den neuesten Lady Gaga-Hits sind? Wie können sie nur die vielen versäumten Stunden nachholen, die wir lieber als Familie schweigend vor dem Fernseher hätten verbringen sollen? Wie konnten wir zulassen, dass sie tatsächlich lieber mit Freundinnen und Nachbarn draußen auf dem Trampolin hopsen, anstatt sich über WhatsApp ordentlich mit ihren Altersgenossen sozial zu verbinden? Und Mode? Mode ist ja heute auch keine Geschmacksache mehr, sondern die neueste Jeans- und Turnschuhmarke ist nun mal die Eintrittskarte, um „cool“ zu sein, um zur „Clique“ dazuzugehören.

Aber komisch – kann es sein, dass auch die Kinder im südsteirischen Freilernerparadies nicht die Kriterien erfüllen, die man braucht, um zu beweisen, dass man „dazu“ gehört? Ich weiß es nicht, denn bei ihnen war es schlicht kein Thema. So wie auch in unseren Interviews nicht. Woher er das alles weiß, bleibt Robert Gordons Geheimnis – gefragt hat er uns nicht.

„Wo hast du deine Clique?“

fragte Gordon die 14jährige Tochter unvermittelt. Sie ist offensichtlich und zu Recht etwas irritiert, denn mit dieser Frage hat sie nicht gerechnet. Ist das die Einfühlsamkeit eines preisgekrönten Journalisten?  Was ist eine Clique? Normalerweise die Altersgenossen oder Klassenkameraden, mit denen man täglich so abhängt. Muss man eine haben? Haben  alle Schulkinder es zu einer Clique gebracht? Alle Freilernerkinder? Wo war André Sterns Clique? Gordon hat sie nicht gefragt.

Und sie gibt die Antwort, die genau ins Bild passt – ihre Clique ist … der Jugendkreis der Freikirche. Das ist es also, da haben wir es. Außer ihrem „Heim“ (ein extrem negativer Begriff, wie uns André Stern schon belehrt hat) und  der Musikschule spielt sich das Leben des armen, von der Welt isolierten Mädchens in ihrer Kirche ab. Was will man da schon erwarten?

Der sichere Weg in die Normalität

Und Robert Gordon hat sofort den nächsten Kronzeugen für die Schädlichkeit des „Heimunterrichtes“ gefunden – den 22jährigen Technikstudenten Kanon Gnaore. Ganz nebenbei erfährt man, dass er von seiner Mutter bis zur Matura unterrichtet worden. Wie bitte – im Heimunterricht bis zur Matura? Geht das? Das sollte ja ursprünglich das Thema der Sendung sein, dass so etwas tatsächlich möglich ist, da hätten Schüler und Mutter einen gewissen Respekt verdient. Hier hätten mich die Methoden genauer interessiert.  Für Gordon ist das nur ein Nebenbefund. Ihn interessiert, dass der Student „genauso“ wie die armen Boersma-Kinder aufgewachsen sind, „Kontakt zu anderen Kindern hatte er nur über die Kirche“.  Und tatsächlich, Kanon bestätigt, dass er am Anfang seines Studiums nicht wusste, wie er sich „normal“ verhalten soll, aber nach einem halben Jahr wusste er es dann.

Sich „normal“ verhalten können? So dass man in der Gruppe, in der Clique nicht auffällt, und sagt, was man sagen muss, tut, was man tun muss? Ist dies das Ziel des Unterrichts? War dies das Ziel von André Stern und den Freilernern? Wer legt fest, was normal ist?

Egal – jedenfalls sagt Kanon Gnaore genau das, was – ich spekuliere – Robert Gordon hören wollte, nämlich, dass das christlich-isolationistische Homeschooling in seinem Fall dazu führte, dass er  es nun für eine „sehr schlechte Idee“ hält, seine Kinder nicht an die Schule zu schicken und er seine Kinder deshalb niemals zu Hause unterrichten würde. Ganz anders also als die ehemals freilernenden Marlene und Niklas aus dem Waldprojekt Oberwölbling sagen, „Ja, unbedingt, das würden wir mit unseren Kindern auch wieder so machen“

Gottes Wort und die Wissenschaft

Auch mich traf im Interview die Frage, bei der ich sofort wusste, wohin der Hase läuft. „Muss man manchmal etwas lehren, was man gar nicht glaubt?“ fragte mich Robert Gordon wieder unvermittelt.  Der Zuschauer hört nicht die Frage, sondern nur meine Antwort, bei der ich mir tatsächlich etwas gedacht habe und zu der ich 100%ig stehe:

„Ich versuche meinen Kindern zu vermitteln, dass ich sage: ‚Pass auf: das sind Fakten, das sind Daten, und das sind eher weltanschauliche Dinge, die da hereinkommen. Die kann man so sehen, muss sie aber nicht so sehen.‘ Und sie sollen lernen, die Argumente für diese oder jene Seite darzustellen, und sich dann selbst eine Meinung machen“.

Wieder schnappt die Falle dazu. Das sind Worte des religiösen Fundis, denn – dem Zuschauer bleibt vor Entsetzen der Atem stocken – beim Schwenk der Kamera über einem Kinderbett hängt da doch tatsächlich ein Bibelvers an der Wand, mit einem Gebet aus Psalm 68,11 „Weise mir, Herr, deinen Weg!“ Und der Zuschauer wird von Gordon aus dem Off aufgeklärt:

„Nicht alles, was in den Schulbüchern steht, deckt sich mit der Weltsicht ihrer Eltern. Da kann Gottes Wort schon einmal schwerer wiegen als wissenschaftliche Theorien.“ 

Sorry, Herr Gordon, das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe. Sie gehören doch eigentlich zu einer Generation, die in der Schule noch sinnerfassendes Lesen und Hören gelernt haben sollte. Und als Thema für die nächste Reportage schlage ich schon einmal „Fundamentale Christen und ihre kreationistischen Weltanschauungen“ vor. Es gibt sicher noch mehr Experten außer mir und Freilerner-Vater Richard Lamprecht, der seinen Kindern eben seine Weltsicht vermittelt, wenn er fundiert erklärt, wie die Menschen sich langsam aus Affenarten entwickelt haben, falls irgendjemand das noch nicht klar sein sollte.

Gibt es eigentlich etwas, wovor Sie ihre Kinder gerne bewahren würden im Leben?

Stellt ein Journalist und Vater eines 8jährigen Sohnes eine solche Frage im Ernst, fragte ich mich, als ich das hörte. Würde er hier mit Nein antworten? Hält dieses Leben nicht genug parat, was man seinen Kindern weiß Gott nicht wünschen würde? Wenn ich meinen Kindern helfen will, auf einen guten Weg zu kommen, eine gute Ausbildung zu bekommen, eine stabile, integre Persönlichkeit zu werden, dann heißt das gleichzeitig, dass es genügend Wege und Entwicklungen gibt, die ich ihnen lieber ersparen möchte. Als Christen fassen wir den guten Weg gerne mit dem Wort „Gottes Segen“ zusammen – den wünschen wir anderen Menschen deshalb auch gerne, erst recht unseren Kindern. Neben vielen anderen Aspekten ist daher auch der Aspekt des Bewahrens ein Grund, warum wir uns entschieden haben, unsere Kinder zu Hause zu unterrichten. Ja, wir wollen den Kindern einen sinnlosen Leistungsdruck ersparen, der von Lehrern und der Peer-group ausgeht, das Vergleichen und Verglichen-werden; wir wollen ihnen ungerechte Noten, Verletzungen und Mobbing ersparen; und wir sind überzeugt, dass vieles, was in den Lehrplänen steht, nicht weltanschaulich neutral ist, sondern dass sich unter dem Druck mancher gesellschaftlichen Gruppen hier mehr und mehr Überzeugungen einschleichen, die einem christlichen Weltbild diametral gegenübergesetzt sind, und die Kinderseelen zerstören können und zerstört haben. Wer entscheidet, welche Motivation gerechtfertigt ist? Robert Gordon hat uns erst in einer Email nach der Sendung geschrieben, dass er mit genau diesem christlichen Weltbild und daher auch mit unserer Motivation für Homeschooling ein großes Problem hat. Das darf er auch, das ist seine Privatsache, so wie unser Glaube unsere Sache ist. Aber als Journalist darf er seine persönliche Meinung – oder die seiner Auftraggeber? – nicht als Richter über unsere Entscheidung setzen.

Aber – wie gesagt – er versteht sein Handwerk und hält sich mit seiner Meinung zurück… – bis er alles im Kasten hat, was er braucht.

Gut, Sie haben es wieder mal geschafft. Sie haben Ihre Sendung, mit den Statements, von denen Sie glauben, dass Sie Ihrer Quote helfen. Sie müssen es mit Ihrem Gewissen verantworten, dass Sie einmal mehr das Vertrauen einer Familie missbraucht haben, die große Opfer gebracht hat, damit Sie an Ihre Aufnahmen kommen; dass Sie Dinge öffentlich behaupten, die wir nicht gesagt haben und die faktisch nicht stimmen – unseren Kindern bringen wir bei, dass man so etwas eine Lüge nennt. Aber denken Sie nicht daran, dass der ORF –und wahrscheinlich auch irgendein TV-Sender dieser Welt – bei einer Homeschooling-Familie anzuklopfen braucht. Wahrscheinlich wird es heißen: Nie mehr!

 
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