Spiegel TV Sendungen

Offener Brief an Herrn Duwe

Sehr geehrter Herr Duwe,

Sie haben mit Ihren Sendungen in Spiegel TV "Homeschooling: Weltfremde Eltern als Lehrer" vom 9.12.2012 und "Die Schulpflicht-Verweigerer" vom 11.12.2012 versucht, einen Beitrag zum deutschen Schulsystem und möglichen Bildungsalternativen zu leisten. Dieser Versuch ist an sich sehr lobenswert.

Ungenügend!

In dem von Ihnen offensichtlich bevorzugten öffentlichen Schulsystem ist es üblich, Leistungen zu bewerten und zu beurteilen, ob ein Ziel erreicht wurde. Die schlechteste Note, "6" oder "ungenügend" wird dann verhängt, wenn die Leistungen weit unter den Erwartungen liegen, erschreckende Unkenntnis des Themas vorliegen, wenn das Thema völlig verfehlt wurde, oder wenn der Schüler bei einem Betrugsversuch erwischt wurde. Sie haben es geschafft, dass auf gewisse Weise alle diese Tatbestände auf Ihre Filme zutreffen, und ich – als einer der kritisierten "weltfremden" und "schulverweigernden" Lehrer – Ihnen leider nur diese Note auf Ihr Werk geben kann.

Der Aufwand war für Sie sehr groß, Sie sind 1.400 km geflogen und haben keine Kosten und Mühen gescheut, an Ihr Material zu kommen. Es ist Ihnen vielleicht nicht bewusst, auch für uns, eine 6-köpfige Familie war der Aufwand recht hoch, 1 ½ Tage für Sie Zeit zu nehmen, und Kinder zu motivieren, zwei wildfremden Personen ihr Vertrauen und ihre Zeit zu schenken. Daher ist es unser Recht, Ihnen ein Feedback zu geben. Im Hinblick auf andere, die sich in einer ähnlichen Situation wie wir befinden, die mit uns sympathisieren, ist es ein Stück weit auch unsere Pflicht. Uns ist bewusst, dass auch Sie Teil eines Systems sind. In diesem Fall diktiert Ihnen das System bzw. Ihr Chef offensichtlich, einen reißerischen Beitrag im Kampf um Einschaltquoten ohne Rücksicht auf die Realität, die Wahrheit und mögliche Bauernopfer – in diesem Fall eine ganze Familie – zu machen. Meine Kritik richtet sich daher auch an das System und Ihre Auftraggeber. Aber Sie haben sich dazu gebrauchen und bezahlen lassen und sind auch mit verantwortlich dafür.

Ihr Ziel: ein neutrales Bild einer Homeschool-Familie zu zeichnen?

Sie sind mit dem Versuch angetreten, ein praktisches Beispiel für Heimunterricht anhand einer Familie zu zeigen. Dies sollte auch im Zusammenhang mit der Global Home Education Conference im November 2012 in Berlin stehen. Ich zitiere aus Ihrer E-Mail vom 28.10.2012: "Im Fokus des Drehs wird das Thema Heimunterricht stehen. Dabei geht es mir darum, anhand eines Tagesablaufs darzustellen, wie Heimunterricht funktioniert. ... Wie organisieren Sie den Unterricht? Wie gehen Sie speziell auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder ein? Was versuchen Sie anders und besser zu machen, als es die öffentlichen Schulen könnten? Welche Unterrichtsmaterialien verwenden Sie, woher beziehen Sie diese? ... Ebenfalls schön wäre es, wenn wir auch ein wenig vom Familienleben bei Ihnen drehen könnten. Dem Zuschauer würde das ermöglichen, Sie besser kennen zu lernen, was am Ende auch ein besseres Verständnis für das Thema mit sich bringt."

Thema verfehlt!

Man kann natürlich nie die Weltanschauung von wichtigen Lebensentscheidungen trennen, aber meine Frau sagte bereits im ersten Telefonat, dass wir wahrscheinlich Homeschooling sogar machen würden, wenn wir keine Christen, sondern "stockungläubig" wären, so sehr sind wir von diesem Konzept in didaktischer Hinsicht und den positiven Auswirkungen auf die Familie überzeugt. Trotzdem sind Sie in Ihrem Film – wie ein Stier auf ein rotes Tuch – praktisch nur auf unsere christliche Weltanschauung losgegangen. Das war nach Ihren eigenen Vorgaben nicht das Thema, und dazu haben wir vorher nicht eingewilligt. Das ganze "Wie funktionierte Hausunterricht?", die Materialien, der Tagesablauf, alle Informationen, die Sie dazu sehr wohl auch im Kasten hatten, spielten im Film keine Rolle mehr. Schade, daher leider "Thema verfehlt" – Note "ungenügend".

Freiheit?

Wir haben in Deutschland wie in Österreich Meinungs- und Religionsfreiheit – Gott sei Dank. In anderen Staaten unter anderen Regierungen, die – ob Zufall oder nicht – oft nicht auf christlichen Grundsätzen beruhen, ist das nicht immer so. Mit der Meinung und Religion ist oft auch ein gewisser Lebensstil, sind gewisse Entscheidungen verbunden. Wir haben uns für ein Leben in einer verbindlichen Ehe und der Offenheit für die Kinder, die Gott uns schenkt, entschieden, und dafür, soweit es uns möglich ist, die Verantwortung für die Erziehung und Bildung der Kinder zu übernehmen.

Warum nehmen Sie sich das Recht, diesen Lebensstil und diese Entscheidungen zu kritisieren und Ihnen ein Stück weit das Existenzrecht und die Legitimität abzusprechen? Das tun Sie natürlich nicht direkt, sondern nur durch einen oft verletzenden, sarkastischen Kommentar. Ich weiß nicht, für welche Weltanschauung und welchen Lebensstil Sie sich entschieden haben, aber seien Sie froh, dass Sie es in Deutschland einfach leben dürfen! Möchten Sie wofür auch immer an den Pranger gestellt werden?

Vertrauen missbraucht!

Wir haben Ihnen für den Dreh zu diesem Film unser ganzes Vertrauen geschenkt und unsere Kinder mit gewissen Mühen auch dazu gebracht, das gleiche zu tun. Wir haben Ihnen unsere Geschichte erzählt, Schriftverkehr offenbart, auch die nicht abgesprochenen Fragen zu unserer Weltanschauung beantwortet. Sie haben dieses Vertrauen grob missbraucht. Sie haben nicht die Wahrheit gesagt, als Sie im Vorfeld die Ziele der Sendung darstellten, die Voraussetzung für unsere Einwilligung waren. Sie haben nicht gesagt, dass Sie nur ein Opfer suchen, die bereit willig einige Statements machen, die Sie dann mit einem nicht an der Wahrheit orientierten Kommentar unterlegen konnten.

Immerhin haben Sie – vielleicht nicht ganz bewusst – unseren Kindern eine Lektion erteilt, wie Berichterstattung im privaten Fernsehen funktioniert und was von ihrem Wahrheitsgehalt zu halten ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Auke Boersma

 
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