Homeschoolers.at * Plattform für christliche Homeschooler in Österreich - Dienstag, 20. August 2019
Druckversion der Seite: Stellungnahme zum KIJA-Positionspapier zum häuslichen Unterricht
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Stellungnahme des Vereins „Homeschoolers.at – Bildung zu Hause Österreich“ zum Positionspapier der Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs zum häuslichen Unterricht

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs (KIJAS) stellten im September 2018 ein Positionspapier auf ihrer Website www.kija.at online[1], in dem sie unter anderem eine grundsätzliche Genehmigungspflicht des häuslichen Unterrichts – im Gegensatz zur bisherigen Anzeigepflicht – und die Erteilung einer Genehmigung des häuslichen Unterrichts „nur in begründeten Einzelfällen“ fordern.

Dies käme einem grundsätzlichen Verbot des häuslichen Unterrichts gleich. Der Verein „Homeschoolers.at – Bildung zu Hause Österreich“ weist diesen Vorstoß der KIJAS aus den folgenden Gründen mit aller Entschiedenheit zurück:

1.     Grundrechte haben kein Ablaufdatum und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden

Der häusliche Unterricht ist durch mehrere Gesetze (Staatsgrundgesetz 1867, durch Art. 149 Abs. 1 B-VG im Verfassungsrang, Schulpflichtgesetz 1984, Schulunterrichtsgesetz 1986) fest im österreichischen Rechtssystem verankert und somit ein Grundrecht jedes österreichischen Bürgers.

Dieses Grundrecht mit einem Hinweis auf sein Alter („Seit Erlassung des Staatsgrundgesetzes sind mehr als 150 Jahre vergangen und zentrale Kinderrechte wurden in der österreichischen Bundesverfassung verankert.“) außer Kraft setzen oder einschränken zu wollen, ist aus unserer Sicht ein sehr fragwürdiges Rechtsverständnis.

Die österreichische Bildungspflicht mit dem daraus resultierenden Recht auf häuslichen Unterricht ist – im Gegensatz zum strengen bundesdeutschen Schulzwang – in vollem Einklang mit Artikel 2 des ersten Zusatzprotokolls zur Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, das von Österreich 1958 voll ratifiziert wurde und gleichfalls im Verfassungsrang steht. Hier wird allen Eltern unmissverständlich das Recht zugesprochen, „die Erziehung und den Unterricht entsprechend ihren eigenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustellen[2].

Auch wenn es naturgemäß die Aufgabe der KIJA ist, die Rechte der Kinder und die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention im Auge zu behalten, halten wir es für illegitim, diese gegen die verbrieften Rechte der Eltern auszuspielen.

2.     Familien dürfen nicht pauschal als „geschlossenes System mit Gefährdungspotential für Kinder“ verurteilt und Eltern nicht unter Generalverdacht gestellt werden

Auch wenn die KIJA in Erfüllung ihrer unbestreitbar notwendigen und wichtigen Aufgaben zwangsläufig oft mit den negativen Seiten des Familienlebens, der Anwendung von Gewalt gegen Kinder und der Missachtung ihrer Rechte befasst ist, darf dies nicht dazu führen, dass in dem Papier von Familien im Allgemeinen ein sehr schlechtes und befremdliches Bild gezeichnet wird.

Die KIJA-LeiterInnen scheinen die österreichische Gesellschaft ausschließlich durch die Brille der KinderanwältInnen zu sehen. Es gab in Österreich im Jahr 2016 über 2,4 Millionen Familien, davon sind knapp 770.000 Familien mit Kindern unter 15 Jahren (Kaindl & Schipfer 2017[3]). Auch wenn diese Zahl im 10-Jahrestrend leider rückläufig ist, ist es sicher nicht übertrieben zu sagen, dass die weitaus überwiegende Zahl dieser Familien für alle Mitglieder ein Ort des Miteinanders und gelebter Gemeinschaft ist. Dies wird durch Umfragen bestätigt, nach denen für 80% der Jugendlichen eine eigene Familie das wichtigste Ziel für die Zukunft ist[4]. Daher ist es ein sehr verengtes Bild, dieses Potential und die Grundlage der österreichischen Gesellschaft nur als „geschlossenes System mit Gefährdungspotential“ für die Kinder zu sehen, diese in einem Atemzug mit „sektenähnlichen Gemeinschaften“ zu nennen, in der Familie ein Ort der potentiellen „Isolation, Manipulation und körperlicher und seelischer Verletzung“ zu sehen und damit alle Eltern unter Generalverdacht zu stellen. Ohne irgendwelche Studien oder Zahlen nennen zu können, schlussfolgert das KIJA Papier von den aus ihrer Sicht möglichen Gefahren in einer Familie auf ein höheres Risiko und damit einer Verurteilung des häuslichen Unterrichts.

Wir halten diesem äußerst bedenklichen Bild der KIJA ein völlig anderes Bild von Familie entgegen, in dem gerade die christliche Familie ein sicherer Ort der liebevollen Gemeinschaft ist, in dem Kinder sich sicher, angenommen und geborgen fühlen können.

Gerade weil sich die Kinder in Homeschooling-Familien sicher fühlen können, profitieren sie von den didaktischen Vorteilen dieser Unterrichtsmethode.

3.     Das Fehlen von Zahlen über den häuslichen Unterricht ist kein Argument – außer für fehlendes Interesse

Das KIJA Papier beklagt, dass es „wenig weiterführende Zahlen, Hintergrundinformationen oder wissenschaftliche Untersuchungen“ zum häuslichen Unterricht gibt. Dies ist grundsätzlich korrekt und wir schließen uns diesem Bedauern an.

Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung erfasst die Daten über die Abmeldungen vom Unterricht an öffentlichen Schulen bzw. die Anzeigen der Teilnahme am häuslichen Unterricht nicht zentral, sondern diese werden nur auf Grundlage von ad-hoc-Umfragen bei den Schulbehörden  der Bundesländer – in der Regel veranlasst durch parlamentarische Anfragen – ermittelt und als Anfragebeantwortung im Internet zugänglich gemacht.

Auf der Basis dieser Zahlen (Anstieg von 1828 HU-Schülern im Schuljahr 2012/13 auf 2320 Schüler 2017/18) haben die KIJAS einen – in ihren Augen besorgniserregenden – Anstieg um knapp 22% berechnet. Würde man das Jahr 2010/11 zum Vergleich heranziehen, käme man nur auf einen Anstieg von 5,4% bzw. auf die Schlussfolgerung, dass die Zahlen bei leicht steigender Tendenz gewissen Schwankungen unterworfen sind.

Zum Fehlen von weiterführenden Daten zum häuslichen Unterricht merken wir an, dass wir als Verein jede Anfrage zu wissenschaftlichen Untersuchungen unterstützen, an unsere Mitglieder weiterleiten und die Homeschooling-Community stets zur Mitarbeit ermutigen.

Wir möchten insbesondere auf die im KIJA-Papier gemachte Behauptung eingehen, dass nur die Schule zu einer gelungenen Sozialisation eines Kindes beitragen kann. Diese Theorie, die von vielen mit Homeschooling nicht vertrauten Personen gerne übernommen und gebetsmühlenartig wiederholt wird, wird von empirischen Untersuchungen widerlegt. Im Gegenteil haben alle Studien im angelsächsischen Sprachraum ergeben, dass zu Hause unterrichtete Kinder im Vergleich zu Kindern an Regelschulen  besser sozialisiert sind;  dass sie „qualitativ hochwertige Freundschaften und bessere Beziehungen mit ihren Eltern und anderen Erwachsenen haben, dass sie glücklich, optimistisch und mit ihrem Leben zufrieden sind. Sie handeln mit höherer Wahrscheinlichkeit selbstlos und haben als Jugendliche ein starkes Gespür für soziale Verantwortlichkeit.“ (Medlin 2013[5]). Für den deutschen Sprachraum fehlen wie gesagt vergleichbare Studien.

Die KIJAS schließen wenig überraschend auch in diesem Fall aus dem Fehlen von Daten auf eine Gefährdung des Kindeswohls. Dieses Argument aus dem Nichtwissen (argumentum ad ignorantiam) gilt in der Wissenschaft als wertloses Scheinargument[6] und ist eine Umkehrung des vor Gericht gültigen in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten)-Prinzips.

 

4.     Die Homeschooler in Österreich sind nicht bereit, die Konsequenzen für das Fehlverhalten anderer Gruppen zu tragen

Wenn wir die Pressemeldungen des letzten Jahres richtig verstehen, wurde der aktuelle Angriff auf das Recht auf häuslichen Unterricht offensichtlich ausgelöst durch eine kritische TV-Dokumentation[7] sowie Internet- und Zeitungsartikel über die „Weinbergschule“ in Seekirchen am Wallersee (Salzburg), also dem Zuständigkeitsbereich von Frau Dr.in Andrea Holz-Dahrenstaedt von der KIJA Salzburg. Dies ist eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht, die also nichts mit häuslichem Unterricht und Privatschulen ohne Öffentlichkeitsrecht (gem. §11 SchPflG) zu tun hat. Trotzdem wird Frau Holz-Dahrenstaedt, die für das KIJA-Positionspapier verantwortlich zeichnet, in einem Artikel in den Salzburger Nachrichten mit dem Titel „Verbot des Hausunterrichts?“ im Dezember 2017 zitiert, dass sie als „Fernziel eine Gesetzesänderung“, d.h. ein Verbot des häuslichen Unterrichts anstrebt.

Ebenso verhält es sich mit den sog. „Lais-Schulen“, die nach dem Prinzip der russischen Schetinin-Schule oder dem Anastasia-Prinzip unterrichten und gemäß Pressemeldungen mit völkisch-esoterischem Gedankengut in Verbindung gebracht werden.

Wir Homeschooler distanzieren uns von jeder Verbindung sowohl mit dem Gedankengut als auch der Lehr- und Lernpraxis dieser Schulen, soweit sie uns bekannt sind. Wir lehnen es dezidiert ab, wegen eines fragwürdigen Verhaltens anderer Gruppierungen quasi mitbestraft zu werden.

Auch mit denen im KIJA-Papier angesprochenen „Prüfungsverweigerern“, die in der Regel aus der Freilerner (Unschooler)-Szene stammen, haben wir nichts gemein.

Wir Homeschooler folgen dem offiziellen Lehrplan, benutzen die uns von den Prüfungsschulen überlassenen Lehrbücher und treten nach unseren Möglichkeiten bestens vorbereitet die Externistenprüfungen an. Diese sind psychisch, geistig-intellektuell und körperlich extrem anstrengend und mit keiner Prüfung an der Regelschule – außer der Matura – vergleichbar. Wir erhalten in aller Regel gute Noten und ein hervorragendes Feedback von den prüfenden LehrerInnen und DirektorInnen, wofür wir jederzeit zahlreiche Referenzen nennen können.

Deshalb ist es für uns sehr ärgerlich, wenn von den KIJAS in keiner Weise differenziert wird, sondern auf der Basis einer generellen Vorverurteilung der gesamte häusliche Unterricht verdammt wird.

Wenn bei irgendeiner Gruppe, Initiative, Verein oder Privatpersonen Missstände bestehen, so ist es Aufgabe der zuständigen Behörden, diesen nachzugehen und gegebenenfalls abzustellen.

Zusammenfassend sind die von den KIJAS in ihrem Positionspapier vorgebrachten Argumente ausnahmslos zurückzuweisen und entsprechend ist die Forderung nach einem Verbot des häuslichen Unterrichts und nur ausnahmsweiser Genehmigung vollständig abzulehnen.

Der Verein Homeschoolers.at – Bildung zu Hause Österreich sieht vielmehr in einer ungerechten Behandlung der Schüler im häuslichen Unterricht im Vergleich zu Schülern an öffentlichen Schulen, was z.B. die Handhabung und die fehlende Wiederholbarkeit der Externistenprüfungen anbelangt, einen dringenden Handlungs- und gesetzlichen Änderungsbedarf.

 

Der Vorstand von Homeschoolers.at – Bildung zu Hause Österreich

 


[3] Markus Kaindl und Rudolf Karl Schipfer: „Familien in Zahlen 2017 – Statistische Informationen zu Familien in Österreich“ Österreichisches Institut für Familienforschung, Universität Wien

[4] Studie: Jugendlichen ist Familie viel wert; noe.orf.at vom 17.12.2017

[5] Richard G. Medlin 2013 „Homeschooling and the question of socialization revisited”; https://www.stetson.edu/artsci/psychology/media/medlin-socialization-2013.pdf

[7] „Die Kinder vom Zachhiesenhof“, Am Schauplatz-Reportage, ORF 2 am 23.11.2017